Slow Travel Schweden: Unser Stellplatz zwischen Lupinen
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Anfang Juni sind wir gegen sieben Uhr abends eine Schotterstraße hochgefahren, bei der wir nicht sicher waren, ob sie überhaupt irgendwohin führt. Sie führte auf eine Wiese. Links der Weg, rechts ein Zaun aus krummen Holzlatten, und dazwischen Lupinen — so viele, dass Sophia sie zuerst für einen angelegten Garten gehalten hat. Oben am Waldrand ein rotes Holzhaus, ein Gewächshaus daneben, dahinter nur noch Fichten. Wir haben das Wohnmobil abgestellt, den Motor ausgemacht, und dann war nichts mehr. Kein Verkehr, kein Nachbar, kein Geräusch außer Wind. Das war der Moment, in dem Slow Travel Schweden für uns aufgehört hat, ein hübsches Wort zu sein.
Slow Travel Schweden bedeutet in der Praxis: weniger Orte, längere Aufenthalte. Statt jeden Morgen weiterzufahren, bleibt man zwei oder drei Nächte an einem Platz — meist auf einem Bauernhof oder am Waldrand statt auf einem durchorganisierten Campingplatz mit Schrankenanlage. Der Gewinn ist nicht das gesparte Geld. Der Gewinn ist, dass man aufhört, den Tag in Kilometern zu rechnen.
Der Hof gehörte zwei Deutschen
Das war die erste Überraschung. Wir hatten uns innerlich schon auf radebrechendes Englisch eingestellt, dann kam die Wirtin heraus und sagte Hallo auf Deutsch. Vor elf Jahren ausgewandert, aus Niedersachsen, mit zwei Koffern und einem Plan, der laut ihr überhaupt nicht aufgegangen ist. Erst Ferienhäuser, dann Hühner, dann irgendwann drei Stellplätze auf der Wiese, weil ständig Leute gefragt haben, ob sie über Nacht bleiben dürfen.
Wir haben zwei Stunden am Zaun gestanden und geredet. Über den Winter, über die Preise, über die Frage, ob man das Dorf vermisst, in dem man aufgewachsen ist. Sie hat gesagt, das Schwierigste sei nicht die Dunkelheit im November, sondern dass in Deutschland alle denken, sie hätte sich in einen dauerhaften Urlaub verabschiedet. Der Hof ist Arbeit. Sehr viel Arbeit. Nur eben Arbeit, die man abends sieht.
Wir finden ehrlich gesagt, dass genau solche Gespräche der eigentliche Grund sind, so zu reisen. Auf einem Campingplatz mit 200 Parzellen hätten wir sie nie kennengelernt.
Slow Travel Schweden: was es mit einem macht
Der erste Abend war unangenehm. Das muss man dazusagen. Wir hatten kein Netz, keinen Plan für den nächsten Tag, und Kristina hat dreimal aufs Handy geschaut, obwohl nichts draufstand. Es dauert ungefähr einen halben Tag, bis der Kopf merkt, dass gerade wirklich nichts ansteht.
Am zweiten Morgen sind wir um halb sechs wach geworden, weil es hell war, nicht weil ein Wecker ging. Mylo ist zwischen den Lupinen verschwunden und nur an der schwankenden Blütenspitze zu orten gewesen. Wir haben Kaffee gekocht und zugeschaut, wie sich die Wiese wärmt. Das ist kein spektakulärer Programmpunkt. Aber es ist der Teil der Reise, an den wir uns zwei Monate später noch genau erinnern — im Gegensatz zu drei Städten, die wir auf der Hinfahrt abgehakt haben.
Es ist im Grunde dieselbe Idee wie Lagom, das genau richtige Maß: nicht mehr Erlebnisse hineinstopfen, sondern die vorhandenen ganz haben. Wer sich generell fragt, worum es dabei geht, findet in unserem Überblick was Slow Living eigentlich bedeutet die längere Antwort.
Was mitgefahren ist — und was liegen geblieben ist
Wer über Slow Travel Schweden nachdenkt, unterschätzt meistens, wie wenig man tatsächlich braucht. Wir packen für solche Wochen inzwischen fast schon lächerlich wenig ein. Drei Shirts pro Person, zwei Hosen, eine warme Schicht für die Abende, weil es auch im Juni nach Sonnenuntergang zügig kühl wird. Was zu Hause geblieben ist: die zweite Kamera, das Buch, das wir seit drei Reisen mitschleppen, und die Idee, unterwegs zu arbeiten.
Am meisten getragen wurde das Camper-Van-Shirt mit dem Schriftzug „Life happens offline" — was auf einem Stellplatz ohne Empfang schon fast zu offensichtlich ist, aber es stimmt halt. Für die kühleren Morgen war das Disconnected-Shirt mit Bergmotiv dabei. Beides sind Teile, die man vier Tage hintereinander anhat und die das aushalten, weil sie nicht nach Funktionskleidung aussehen und trotzdem robust genug sind.
Häufige Fragen
Darf man in Schweden überall mit dem Wohnmobil übernachten?
Nein. Das Jedermannsrecht (Allemansrätten) gilt für Zelte und Wanderer, nicht für Fahrzeuge. Mit dem Wohnmobil brauchst du einen ausgewiesenen Stellplatz oder die ausdrückliche Erlaubnis des Grundbesitzers — Bauernhöfe vermieten Wiesenplätze oft für 15 bis 25 Euro die Nacht.
Wann blühen die Lupinen in Schweden?
Von Anfang Juni bis Mitte Juli, im Süden etwas früher als in Mittelschweden. Sie stehen fast überall an Straßenrändern, sind aber botanisch ein eingeschleppter Neophyt und in Schweden nicht unumstritten.
Wie viele Kilometer pro Tag sind beim Slow Travel realistisch?
Wir sind mit maximal 150 Kilometern am Tag gut gefahren, an mehreren Tagen mit null. Als Faustregel: Bleib mindestens zwei Nächte an jedem Ort, sonst verbringst du die Reise mit Auf- und Abbauen statt mit Dasein.
Auf der Rückfahrt haben wir uns überlegt, ob wir das zu Hause auch hinbekommen. Zwei Tage, kein Plan, keine Kilometer. Wir sind noch nicht dazu gekommen. Aber die Lupinen an der Straße nach Wies blühen im Juni auch.
— Florian & Kristina, Heart & Ground, Wies/Steiermark