Wiese mit Wildblumen — Naturgarten anlegen

Naturgarten anlegen: Der komplette Schritt-für-Schritt Guide

Vor zwei Jahren im Mai hat Kristina den Rasenmäher stehen lassen. Nicht kaputt, nicht vergessen — einfach stehen lassen. „Den Streifen hinten mäh ich heuer nicht mehr.“ Ich hab genickt und gedacht, das hält sie drei Wochen durch. Im Juli stand dort Wiesensalbei hüfthoch, und an einem Nachmittag hat Sophia sechzehn verschiedene Käfer gezählt. Sechzehn. Auf einem Stück Wiese, das vorher zweimal die Woche kurzgeschoren war.

Wenn du einen Naturgarten anlegen willst, ist das eigentlich schon die halbe Anleitung. Es geht nicht darum, etwas Neues zu bauen, sondern an ein paar Stellen aufzuhören einzugreifen: heimische Pflanzen statt Zuchtsorten, kein Torf, kein Kunstdünger, keine Pestizide — und Bereiche, die du bewusst in Ruhe lässt. Der Rest kommt von allein, meistens schneller als dir lieb ist.

Naturgarten anlegen heißt vor allem: weniger machen

Die meisten Anleitungen im Netz fangen mit einem Plan an. Skizze, Zonen, Pflanzliste. Wir haben das auch versucht, mit kariertem Papier und allem. Nach zwei Abenden war klar, dass wir keine Ahnung haben, wo bei uns im Juni die Sonne steht.

Also andersrum. Wir haben ein Jahr lang nur geschaut. Wo bleibt der Schnee am längsten liegen? Wo ist der Boden nach Regen noch tagelang patzig? Wo brennt es im August so runter, dass nichts überlebt? Das klingt nach Zeitverschwendung. War es nicht — wir haben uns damit vermutlich zweihundert Euro an falschen Pflanzen gespart.

Wenn du sofort anfangen willst, dann so: such dir eine Ecke, die dir egal ist. Nicht die vor der Terrasse. Irgendwo hinten, wo es niemanden stört, wenn es ein Jahr lang zerzaust ausschaut. Dort hörst du auf zu mähen. Zweimal im Jahr sensen, im Juni und Ende September, Schnittgut wegräumen — das ist alles. Der Boden magert ab, und genau das wollen die Blühpflanzen.

Was wir tatsächlich gesetzt haben

Heimisch, das war die einzige Regel. Schlehe, Holunder, Hartriegel und zwei Wildrosen als lockere Hecke — keine Thujenwand, die eh nur ausschaut wie eine Mauer, die stirbt. Dazu Wiesensalbei, Margeriten, Wilde Karde, Natternkopf. Nichts davon war teuer.

Dann die Sachen, die kein Mensch als Gartenarbeit bezeichnen würde: ein Haufen Totholz hinterm Schuppen, ein Steinhaufen aus dem, was beim Fundament übrig war, und eine alte Mörtelwanne, eingegraben, mit ein paar Steinen als Ausstieg. Die Wanne war die beste Entscheidung von allen. Seit dem zweiten Sommer sitzen dort Frösche, und im heurigen Juli — wochenlang kein Regen — sind Voegel im Halbstundentakt gekommen.

Mylo hat das Ganze anfangs für eine persönliche Einladung gehalten. Border Collies und Totholzhaufen sind eine schwierige Kombination. Mittlerweile hat er sich damit abgefunden.

Was schiefgegangen ist

Die Wildblumenmischung aus dem Baumarkt. Sieben Euro, hübsche Packung, drauf steht „Bienenweide“. Aufgegangen ist im ersten Jahr etwas, das gut ausgeschaut hat und danach nie wieder gekommen ist — einjährige Zierpflanzen, teilweise nicht mal aus Europa. Für die Insekten bei uns bringt das wenig. Nimm regionales Saatgut, auch wenn es das Dreifache kostet. Wir finden diese Baumarktmischungen ehrlich gesagt eine Frechheit.

Zweiter Fehler: zu viel auf einmal. Wir haben im ersten Herbst die halbe Fläche umgegraben und uns dann im Frühjahr gewundert, warum überall Ampfer steht. Offener Boden ist eine Einladung für genau das, was du nicht willst.

Und der Nachbar. Der hat im ersten Sommer über den Zaun geschaut und gesagt: „Ihr habt's wohl keine Zeit g'habt.“ Das hat mich mehr gewurmt, als ich zugeben wollte. Inzwischen fragt er im Frühjahr, wo wir die Schlehen her haben.

Ein Naturgarten braucht ungefähr drei Jahre, bis er nicht mehr nach Verwahrlosung ausschaut, sondern nach Absicht. Dazwischen liegt eine Phase, in der du dich erklären musst. Das gehört dazu, und es ist im Grunde dieselbe Geduld, um die es beim Slow Living insgesamt geht — Sachen wachsen lassen, statt sie herzurichten. Auf einem unserer Shirts steht Good Things Take Time, und beim Garten stimmt das ausnahmsweise ziemlich genau.

Heuer im August steht der Streifen hinten wieder hüfthoch. Kristina hat vorgeschlagen, nächstes Jahr auch den vorderen Teil stehen zu lassen. Ich bin noch nicht ganz überzeugt.

Häufige Fragen

Wie lange dauert es, bis ein Naturgarten fertig ist?
Drei Jahre, bis es nach Plan ausschaut. Das erste Jahr ist meistens enttäuschend, im zweiten kommen die Stäuden richtig, im dritten stellt sich das Gleichgewicht ein. Blüten hast du aber schon im ersten Sommer.

Wann ist die beste Zeit, um einen Naturgarten anzulegen?
Herbst. September bis Anfang November für Sträucher und Stauden — der Boden ist warm, es regnet, und die Wurzeln haben bis zum Frühjahr Zeit. Wildblumensaat mag zusätzlich den Frost. Frühjahr geht auch, dann musst du über den Sommer gießen.

Funktioniert das auch auf wenigen Quadratmetern oder am Balkon?
Ja. Eine flache Schale mit Wasser und Steinen, ein paar heimische Stauden im Topf, und im Winter nichts abschneiden — in den hohlen Stengeln überwintern Wildbienen. Der Unterschied zwischen null und drei Quadratmetern ist größer als der zwischen drei und dreihundert.

— Florian & Kristina, Heart & Ground, Wies/Steiermark

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